Die große Geräuschbühne

»Weltenbummler und Meisterdiebe« bekommt eigene Foley-Aufnahmen (Kein Aprilscherz!!!)

Da ein Hörbuch traditionell »nur« eine Lesung beinhaltet, genügt hier ein einzelner Sprecher. Dieser muss überzeugend den Inhalt eines ganzen Romans vorlesen, was je nach Umfang auch schon mal dauern kann. Das Hörspiel dauert in der Regel deutlich kürzer – ist aber trotzdem aufgrund seiner vielen Arbeitsschritte wesentlich aufwendiger in der Produktion. Denn es sind nicht nur die verteilten Rollen, welche das Hörspiel vom Hörbuch unterscheiden. Und dabei meine ich noch nicht einmal die Musik, denn Hörspiele gibt es ja auch komplett ohne Musik. Aber dennoch muss die Lebendigkeit des Geschehens eingefangen werden.

Dazu gehören zum Beispiel auch verschiedene Raumakustiken, die wegen der direkt aufgenommenen Sprecher nachträglich entstehen müssen. Oder die Hintergrundgeräusche – womit sich ja bereits zwei Artikel in diesem Blog beschäftigen. Und wo wir gerade bei Geräuschen sind: Auch die handelnden Figuren machen Aktionsgeräusche: Seien es Schritte, das Öffnen von Türen und Fenstern oder das Zerreißen von Papier: Und genau diese sind es, die ebenfalls einen wichtigen Anteil zum Klangbild leisten und niemals fehlen dürfen.

Denn im Grunde verhält sich der Ton eines Hörspiels analog zum Ton eines Films. Doch da es nicht mal ein Bild gibt, ist die Geräuschkulisse umso wichtiger. Sonst kann man sich nämlich nicht mal vorstellen, was gerade passiert. Dabei wäre es möglich, sämtliche Geräusche aus einer Sound-Bibliothek, also einer vorgefertigten Sammlung zu ziehen und diese dann so lange zu bearbeiten, um das Geschehene zu simulieren. Solche »Sound-Bibliotheken« gibt es heutzutage zuhauf im Internet – mitunter sogar kostenlos. Die Qualität ist dabei oft wechselnd. Außerdem sind es immer wieder die gleichen Geräusche, die auch in vielen TV-Serien und Hörspielen Anwendung finden. Entweder passen sie nicht genau auf die handelnden Rollen oder man hat sie schon tausendmal gehört. »Weltenbummler und Meisterdiebe« geht dabei einen anderen Weg: Und zwar den Weg, den auch aufwendigere Produktionen aus Film und Fernsehen gehen: Die Aktionsgeräusche werden eigens auf das Hörspiel zugeschnitten – mitunter von einem Geräuschemacher.

Natürlich kann nicht jede Handlung selbst vertont werden: Schüsse oder Explosionen werden beispielsweise tatsächlich zugekauft. Für das Hörspiel werden nämlich Schüsse aller Art, auch die von Maschinenpistolen benötigt. Diese in Deutschland aufzunehmen ist aus berechtigten Gründen nahezu unmöglich. Aber der überwiegende Teil der anderen Geräusche wird – genau wie bei den Hintergrundgeräuschen – tatsächlich selbst gemacht. Neben meiner Wenigkeit kann ich auf die Unterstützung meines Dortmunder Kollegen Arno zählen. Im Gegensatz zu mir ist er auf dem Gebiet der Geräusche Profi. So wird der überwiegende Teil, besonders die Schritte, auch von Arno in Dortmund aufgenommen.

Dafür steht eine so genannte »Foley-Stage« zur Verfügung: eine akustische Bühne der verschiedensten Handlungsgeräusche, benannt nach dem legendären Geräuschemacher der Universal Studios, Jack Foley. Um die verschiedenen Schritte aufzunehmen, stehen mehrere Kacheln mit unterschiedlichen Bodenbelägen wie Kies, Holz, Teppich oder Stein zur Verfügung. Diese bekommen aus nächster Nähe ein hochwertiges Mikrofon an die Seite gestellt und dann simuliert der Geräuschemacher oder »Foley-Artist« mit einem Fuß Gehen, Schleichen, Rutschen, Bremsen, Laufen, Rennen und alle diversen Gangarten. Dabei tritt er auf der Stelle. Denn es ist wichtig die Schritte gleichmäßig am Mikrofon aufzuzeichnen, damit sie später vollkommen frei platziert werden können.

Komisch sieht es schon aus, wenn Arno die ganze Zeit den Fuß am Platz bewegt. Allerdings ist es auch gar nicht so einfach, dass alles realistisch klingt, wenn man auf der Stelle tritt. Arno ist dabei speziell ausgebildet und simuliert mit einem Fuß exakt die entsprechenden Bewegungen. Er weiß genau, wie lange sich ein Fuß in der Luft befindet und wie dieser abgesetzt wird. Im Gehen befinden sich nämlich nie zwei Füße gleichzeitig am Boden, daher ist es möglich, alle erdenklichen Gangarten mit einem einzigen Bein zu simulieren.

Arno bekommt bereits die fertig geschnittenen Dialoge, damit er sich genau an die Performace der Sprecher anpassen kann. Vor jeder Szene besprechen wir genau den Ablauf: Welcher der Charaktere bewegt sich mit welchem Schuhwerk in welcher Geschwindigkeit an welche Stelle? Im Anschluss können wir die Szene auch schon aufnehmen: Mein Kollege stimmt alle Schritte genau auf die jeweilige Figur ab – so kann der Zuhörer das Hörspiel deutlich hautnaher erleben, als wenn die Schritte aus irgendwelchen Sound-Bibliotheken stammen und irgendwie mehr oder weniger passend hingeschoben werden.

Wer Arno bei seiner Arbeit und mir bei meinen Versuchen, Geräusche auch auf eher ungewöhnliche Weise zu erzeugen, über die Schulter schauen möchte, möge sich gerne das oben gepostete Making-Of-Video zum Thema Foleys anschauen, wenn er es nicht schon getan hat.

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