Papier ist geduldig

Der bürokratische Aufwand hinter einem Hörspiel

Dass ein Hörspiel jede Menge Arbeit ist, sollte niemanden überraschen. Doch dass die Organisation dahinter rund die Hälfte der Arbeitsstunden kostet, damit rechnet man nicht unbedingt. So will die Story entworfen, das Dialogbuch geschrieben, die Musik komponiert, arrangiert, aufgenommen und abgemischt, die Geräusche aufgenommen und gesammelt, die Sprecher aufgenommen und deren Aufnahmen geschnitten und alles zusammengefasst, gemischt und gemastert werden… Und das macht tatsächlich nur 50% der Arbeit an »Weltenbummler und Meisterdiebe« aus. Nun wird es auf dieser Seite in der Regel um genau diese 50%, nämlich die Produktionsschritte, gehen.

Daher nehme ich dieses Thema zum Anlass, um auch mal über die anderen, oft vergessenen 50% zu berichten. Um zu zeigen, was neben der Produktion noch alles anfällt, damit ein fertiges Hörspiel dabei herauskommt. Man hört nämlich selten etwas darüber, weil in der Regel in den Verlagen eine Armada an Sekretären und Sekretärinnen diese Aufgaben übernimmt. Als freier Hörspielautor muss ich da allerdings selbst ran. Keine Sorge: In den nächsten Nachrichten auf dieser Seite geht es wieder um die Dinge, die Spaß machen. 😉

Die Arbeit beginnt bereits mit den Vorbereitungen für die Produktion. Wenn mein Dialogbuch fertig ist, habe ich die Basis – allerdings muss diesem jetzt Leben eingehaucht werden. Das bedeutet, ich muss die einzelnen Rollen mit den passenden Sprechern besetzen. Dieser Vorgang nennt sich auch »Casting«. Das ist noch nicht einmal das Vorsprechen, sondern die tatsächliche Besetzung mit den Sprechern auf die Rolle. Dafür gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten, wie ich das anstelle: Entweder ich buche mir einen Berufssprecher über eine Agentur oder ich lade Leute zum Vorsprechen ein und treffe dann meine Auswahl. Für »Weltenbummler und Meisterdiebe« kommt eine Mischform zum Einsatz. Da das Hörspiel meine Masterarbeit darstellt und meine Uni auch den Studiengang Schauspiel anbietet, konnte ich ein Vorsprechen unter den Schauspielkommilitonen organisieren. Denn diese erhalten ebenfalls eine Sprecherausbildung und eignen sich perfekt für viele Rollen. Den Rest der Charaktere plane ich mit etablierten Berufssprechern zu besetzen.

Die Bezahlung der einzelnen Sprecher richtet sich dabei nach der Menge an Text, die sie einsprechen sollen. Daher muss ich erst einmal für jede Rolle die Menge an Dialogwendungen (den sog. »Takes«) durchzählen. Dabei hilft mir zwar der Computer, dennoch muss ich alles in eine Excel-Tabelle einpflegen, um die Kosten kalkulieren zu können. Außerdem wird für jede Figur eine Übersicht erstellt, in welcher Szene diese überhaupt auftritt (Rollen-Disposition). Das ist bei 90 Szenen, rund sechs Stunden Hörspiel und immerhin 70 Figuren keine kleine Arbeit. Dennoch benötige ich dies später für die Aufnahmeplanung, da ich vorhabe möglichst viele Sprecher gemeinsam aufzunehmen. Außerdem würde ich bei der Spieldauer von »Weltenbummler und Meisterdiebe« sonst auch die ein oder andere Dialogwendung vergessen.

Für die Aufnahme entsteht dann ein grober Plan – welche Szenen mit welchen Darstellern an welchem Tag aufgenommen werden. Doch bis dahin muss noch einiges an Bürokratie passieren. So benötigt aufgrund der diffizilen Rechtslage in Deutschland jeder Darsteller einen Vertrag, der mir überhaupt erst ermöglicht, dass ich die Sprecher aufnehmen, die Aufnahmen bearbeiten und das Bearbeitete veröffentlichen darf. Dabei gibt es – ohne Witz – ein Sammelsurium an Lizenzrechten, die als Katalog dem Vertrag angeheftet werden, zum Beispiel das Senderecht, das Recht zur öffentlichen Vorführung, das digitale Verwertungsrecht, das analoge Verwertungsrecht, das Onlinerecht, das Bearbeitungsrecht und das Vervielfältigungs- und Verbreitungsrecht… Um nur ein Zehntel (!) des Rechtekatalogs aufzuzählen, der diese dann auch noch näher erläutert. Außerdem regelt der Vertrag das Honorar und die Pflichten des Sprechers als auch meine eigenen. Diese Verträge sind mittlerweile bei Medienproduktionen absolut notwendig und Standard. Damit sind Parteien ausreichend abgesichert.

Es fällt auch noch ein kleines Vermögen an Porto an, da die Verträge per Briefpost versendet werden. Doch das war noch längst nicht das ganze Papier. Jeder Sprecher erhält noch sein Dialogbuch. Dabei bekommen sie natürlich nicht das komplette 400 Seiten starke Dialogbuch, sondern nur die Szenen, in denen ihre Figuren auftreten. Doch um für jeden Sprecher ein eigenes Dialogbuch auszufertigen, geht für jedes Dialogbuch auch einiges an Zeit drauf. Die Bücher von großen Rollen haben bis zu 300 Seiten. Zum besseren Verständnis der Rollen werden die anderen Teile der Handlung ebenfalls zusammengefasst. Sind alle Dialogbücher fertig, werden diese nach Unterzeichnung der Verträge an die Sprecher verschickt.

Doch neben all diesem Papierkram und der Aufnahmeplanung mache ich des Weiteren noch eine detaillierte Kalkulation sämtlicher Ausgaben und möglicher Einnahmen, ein Marketingkonzept, Messeanmeldungen und die Eventorganisation der Hörspielpräsentation zum Release. Wie schon gesagt – 50 Prozent!